Man Bumping : Das ist passiert, seit ich Männern auf der Straße nicht mehr ausweiche
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Männer nehmen überall Raum ein – auch auf der Straße. Unsere Autorin erzählt, was passiert ist, seit sie den maskulinen Passanten nicht direkt Platz macht.
Ich wohne in einer sehr belebten Gegend in Hamburg. Gerade abends zur Rushhour, entweder wenn ich von der Arbeit nach Hause komme oder losgehe zum Sport, werde ich gezwungen, durch und um kleine Menschentrauben zu navigieren. Besonders nervig ist das, wenn ich es eilig habe: Eines Morgens habe ich einen Mann mit Aktenkoffer übersehen und ihn ein wenig an der Schulter touchiert.
Nach dem Beinahe-Zusammenstoß (ist ja gerade noch mal gut gegangen, einen bösen Blick habe ich trotzdem bekommen) ist mir aufgefallen, dass ich insbesondere Männern sehr oft ausweichen muss, während sie unbeirrt auf ihrem Weg bleiben. Gehe ich keine Schlenker, laufen sie in mich hinein. Der unbeabsichtigte Test hat es mal wieder gezeigt. Woran mag das liegen?
Schuld ist mal wieder das PatriarchatTatsächlich ist meine zufällige Beobachtung in der Sozialwissenschaft längst bekannt. Bereits Studien aus den 90er-Jahren, beispielsweise von Ursula Nissen ("Kindheit, Geschlecht und Raum") und Robert Gifford haben belegt, dass Jungen im öffentlichen Raum deutlich körperbetonter handeln als Mädchen. Männer nehmen – im Wortsinn – von Kindesbeinen an mehr Platz ein und sind es gewohnt, dass man sie lässt. Den patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft sei Dank.
Man kann Männern fast nicht böse sein, mit der Betonung auf fast. Zeit ihres Lebens hat man sie in dem Denken unterstützt, dass es ihr gutes Recht sei, an einem Ort zu sein. Dass sie den Vorrang haben, dort zu sein. Männer spreizen ihre Beine in U-Bahnen und Zügen, sie rufen durch Cafés und lachen lautstark in Kneipen. Männer geben selten nach. Ganz anders als Frauen: Wir werden nicht dazu erzogen, Raum einzunehmen. Im Gegenteil: Frauen sollen nachgiebig und brav sein, möglichst niemandem in die Quere kommen, fleißig ihre Aufgaben erledigen, aber bloß nicht zu viel fordern. So wurden wir sozialisiert. Das ist tief in uns verwurzelt.
Man Bumping: So mache ich ab sofort auf mich aufmerksamIch habe keine Lust mehr, Männern auszuweichen. Ich habe aber auch keine Lust, ständig Ellenbogen oder Aktentaschen in die Seite gerammt zu bekommen oder von Rimowa-Koffern angefahren zu werden. Also starte ich einen Selbstversuch: Ab sofort weiche ich dem "stärkeren Geschlecht" nicht mehr aus, suche stattdessen Augenkontakt und gehe, wenn nötig, langsamer, um zu signalisieren. "Hey, ich laufe hier auch und ich werde meinen Kurs nicht für dich ändern."
Mein Selbstversuch ist im Netz auch unter dem Begriff Man Bumping bekannt. Das ist deshalb so passend, weil sich gelegentliche Zusammenstöße mit den männlichen Passanten nicht vermeiden lassen. Sie sind wirklich nicht darauf vorbereitet, dass eine Frau ihnen keinen Platz macht. Erstaunlicherweise laufen aber gar nicht so viele Männer in mich hinein, wie zunächst gedacht. Die meisten sind eher verwirrt, dass ich ihnen in den Weg trete, beziehungsweise nicht ausweiche, so wie sie es gewohnt sind. Ich bleibe freundlich, aber bestimmt. Meinen ersten Instinkt, zur Seite zu treten, schalte ich aus. Manchmal lächle ich und ernte dafür erstaunte Blicke.
Seitdem ich "man bumpe", komme ich nicht nur schneller an mein Ziel, es fühlt sich auch ehrlich gut an, ein paar Männer in ihre Schranken zu weisen. Für mich ist das Geradeauslaufen eine Form von Mikrofeminismus, die ich in meinen Alltag integriere, wenn mir danach ist. Denn ganz ehrlich: Manchmal habe ich auch einfach keine Energie für jegliche Art von Konfrontation.
Brigitte
brigitte